Ökomuseum für Sumpfkräuter in Villanova di Bagnacavallo: eine Reise ins grüne Herz der Romagna

Im Herzen der Untere Romagna, dort, wo die Ebene auf das Wasser trifft und das Land zum Sumpf wird, erhebt sich ein Ort, der von der stillen Kraft der Natur und des menschlichen Erfindungsgeistes erzählt: dasÖkomuseum für Sumpfkräuter von Villanova bei Bagnacavallo.
Kein Museum im herkömmlichen Sinne, sondern ein ein weitläufiges und lebendiges Museum, das die Identität einer Region anhand ihrer Rohstoffe, Handwerkskünste und des kollektiven Gedächtnisses zum Ausdruck bringt.

Ein Land voller Gewässer und Verflechtungen

Villanova di Bagnacavallo liegt am linken Ufer des Fluss Lamone, in einer Landschaft, die noch vor einem Jahrhundert von Täler, Schilfgebiete und Feuchtgebiete. Hier wurde der Alltag vom Wasser geprägt: Der Arbeitsrhythmus, die Jahreszeiten, ja sogar die Sprache der Bewohner waren mit dem Tal verbunden.
Der natürliche Reichtum der Region – Schilf, Binsen, Seggen, Stiancia – bot biegsame, widerstandsfähige und nachwachsende Materialien. Mit ihnen lernten die Bewohner, zu bauen Schuppen, Stühle, Matten, Besen und Körbe, indem sie das, was die Erde und das Wasser ihnen boten, in Mittel zum Leben und zur Arbeit verwandelten.

Bereits im 14. Jahrhundert, Archivdokumente belegen die Existenz von Werkstätten und Handwerkern, die sich auf die „Verarbeitung von Sumpfgräsern“, was eine Tradition bestätigt, die sich über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart erstreckt hat.

Die Entstehung eines Ökomuseums

In den 1980er Jahren, als die Modernisierung in Landwirtschaft und Industrie die Kultur des Tals fast vollständig ausgelöscht hatte, beschloss eine Gruppe von Einwohnern von Villanova, die Erinnerung an diese stille Kultur zu bewahren.
So entstand im 1985, l'Kulturverein „Civiltà delle Erbe Palustri“, Ausgangspunkt des Museumsprojekts. Aus einer kleinen Gruppe von Freiwilligen, die von dem Wunsch beseelt waren, das alte Wissen zu bewahren, ist ein ein auf regionaler und nationaler Ebene anerkanntes Forschungs- und Umweltbildungszentrum.

Das Ökomuseum öffnete in den 1990er Jahren offiziell seine Pforten, beschränkt sich jedoch nicht darauf, Gegenstände zu sammeln: Es hat sich zum Ziel gesetzt, eine Bericht — die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt — und sie zu einer Erfahrung zu machen.
Der Begriff „Ökomuseum“, der in den 70er Jahren in Frankreich geprägt wurde, bringt genau diese Idee zum Ausdruck: ein „erweitertes“ Museum, das Gebiet, Gemeinschaft und immaterielles Kulturerbe. Villanova ist eines der authentischsten Beispiele dafür in Italien.

Der Ausstellungsrundgang: Die Kultur des Tals

Betritt man das Ökomuseum der Sumpfkräuter, taucht man in eine Welt voller natürliche Materialien und traditionelle Techniken.
Der Museumsrundgang, der in verschiedene Themenbereiche unterteilt ist, führt den Besucher durch Umgebungsrekonstruktionen, Arbeitsgeräte und mündliche Zeitzeugenberichte.

  • Die Sumpfkultur und ihr Lebensraum: Schautafeln und Modelle veranschaulichen das Ökosystem des Tals und das Leben der dort ansässigen Gemeinschaften, von den Fischern über die Kräutersammler bis hin zu den Bauern und Hüttenbauern.

  • Die fünf Kräuter: Schilf, Binsen, Seggen, Stiancia und Pavìra – die Hauptakteure der Handarbeit. Jede Pflanze hat ihren eigenen Erntezyklus und eine bestimmte Funktion: Binsen zum Flechten der Sitzflächen, Schilf für die Dächer, Seggen für die Matten.

  • Die Werkzeuge und die Artefakte: Alte Sicheln, Flechtnadeln, Webstühle, Seile und Holzformen zeugen von der Handwerkskunst einer Tradition, die Funktionalität und Ästhetik miteinander verband.

  • Das Gemeinschaftsleben: Fotos, Videos und Tonaufnahmen lassen die Stimmen und Gesichter derer wiederaufleben, die seit Generationen vom Tal und vom Wasser gelebt haben.

Der Ethnopark „Villanova delle Capanne“

Neben dem Museumsgebäude befindet sich dasEthnopark Villanova delle Capanne, ein Freigelände, das eine traditionelle Talsiedlung originalgetreu nachbildet.
Hier kann man folgende Orte besichtigen Hütten aus Sumpfschilf nach den ursprünglichen Techniken gefertigt: kleine Gemüsegärten, Boote, Arbeitsbereiche und Unterstände für Tiere.
Es handelt sich um einen interaktiven Bereich, der es ermöglicht, in die Geschichte „einzutauchen“, den Duft von frisch geschnittenem Schilf zu riechen und zu beobachten, wie sich der Wind durch das Schilf bewegt.
Es handelt sich nicht um eine szenografische Nachstellung, sondern um ein echtes Workshop „Lebendige Erinnerung“, wo das Naturmaterial im Rahmen von Vorführungen und Aktivitäten weiterverarbeitet wird.

Workshops, Bildung und nachhaltiger Tourismus

Das Ökomuseum ist auch ein Zentrum für Umweltbildung und Handwerk.
Jedes Jahr empfängt sie Hunderte von Schülern aus der gesamten Emilia-Romagna mit Workshops zu folgenden Themen: Feuchtgebietsbiologie, Wiederverwertung natürlicher Materialien und Flechttechniken.
Durch den direkten Kontakt mit den Rohstoffen lernen die Kinder handwerkliches Geschick und Respekt vor der Natur und entdecken, dass hinter jedem Gegenstand eine Geschichte voller Geduld und Wissen steckt.

Die pädagogischen Aktivitäten umfassen:

  • Workshops zum Flechten mit natürlichen Kräutern;

  • Naturwanderungen entlang des Flusses Lamone;

  • Führungen mit handwerklichen Vorführungen;

  • Sinnes- und Kreativerlebnisse, die von den Farben und Klängen des Tals inspiriert sind.

Das Ökomuseum fördert außerdem Initiativen für den sanften Tourismus: Wanderungen, Radtouren oder Bootsfahrten durch ländliche Landschaften und Schilfgebiete, in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Meine Bassa Romagna und mit dem Po-Delta-Park.

Ein Ort der Kultur und der Gemeinschaft

Im Laufe der Jahre hat sich das Ökomuseum zu einem Zentrum für Veranstaltungen, Ausstellungen und Festivals.
Zu den bekanntesten Veranstaltungen gehört F@Mu – Das Familien-Museumsfestdie Tage im Zeichen der Artenvielfalt, und vor allem Fest der Sumpfkräuter, eine jährliche Veranstaltung, bei der Handwerker, Künstler und Forscher aus ganz Europa zusammenkommen, um die Kultur des Wassers und des Flechtens zu feiern.

Das Ökomuseum ist nämlich Teil der Europäisches Netzwerk der Hanf- und Schilfhandwerker, und ist Gastgeber internationaler Tagungen zum Thema nachhaltiges Handwerk und Wissensvermittlung.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass junge Designer sich mit Meisterflechtern austauschen – in einem Dialog zwischen Tradition und Innovation, der natürlichen Materialien neues Leben einhaucht.

Die Kräuterfrauen

Ein Teil des Museums ist der Rolle der Frau in der Kultur des Tals gewidmet.
Le Kräuterfrauen, wie sie genannt wurden, waren die wahren Hüterinnen des handwerklichen Wissens: Sie sammelten, sortierten und flochten die Schilfhalme und arbeiteten dabei oft in Gruppen an den langen Sommertagen.
Ihre stille und geduldige Arbeit sicherte den Lebensunterhalt der Familie und hielt eine materielle Kultur am Leben, die heute als immaterielles Kulturerbe der Gemeinschaft anerkannt ist.

Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft

Heute gilt das Ökomuseum für Sumpfkräuter als Vorbild für kulturelle und ökologische Nachhaltigkeit.
In einer Zeit, die von Industrialisierung und Wegwerfkultur geprägt ist, erinnert das Museum von Villanova daran, dass wahre Modernität aus der Vergangenheit entstehen kann: aus dem bewussten Umgang mit Ressourcen, aus lokalem Handwerk und aus dem Respekt vor dem Ökosystem.
Seine tägliche Arbeit – von Ausstellungen über Forschung bis hin zu Workshops und Fortbildungen – zeigt, wie Tradition als Instrument zur Gestaltung der Zukunft dienen kann.

Wie die Kuratoren gerne sagen:

„Wir bewahren nicht nur Gegenstände auf, sondern auch Beziehungen – zwischen Menschen, Materialien und der Landschaft.“

Das Ökomuseum besuchen

Das Ökomuseum für Sumpfkräuter befindet sich in Via Ungaretti 1, Villanova di Bagnacavallo (RA).
Es ist geöffnet dienstags bis freitags von 9 bis 13 Uhr, Samstag von 9 bis 13 Uhr und von 15 bis 18 Uhr, Sonntag von 10 bis 13 Uhr und von 15 bis 18 Uhr.
Der Eintritt ist frei; für Gruppen und Schulklassen werden nach vorheriger Anmeldung Führungen angeboten.
Es ist barrierefrei und verfügt über Parkplätze, eine Buchhandlung und einen Gastronomiebereich.

Weitere Informationen:
📞 0545 280920
📧 erbepalustri@comune.bagnacavallo.ra.it
🌐 www.ecomuseoerbepalustri.it

Ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte

Ein Besuch im Ökomuseum der Sumpfkräuter bedeutet nicht nur, Exponate zu bewundern oder alten Geschichten zu lauschen: Es ist eine Einladung, die lebendige Materie der Erde und des Wassers zu berühren, die Langsamkeit wiederzuentdecken und zu begreifen, dass auch die einfachsten Gesten eine große Schönheit in sich bergen können.

Es ist ein Ort, der in der Gegenwart mit der Stimme der Vergangenheit spricht, der durch direkte Erfahrungen zu Nachhaltigkeit erzieht und der zeigt, wie die Erinnerung an die Landschaft die Zukunft der Gemeinschaften weiterhin inspirieren möge.

Ein kleines, kostbares Juwel im Herzen der Romagna, wo Das Schilf wird zur Kultur und der Sumpf zur Poesie.

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